Leiden und Abenteuer
Leiden und Abenteuer einer kleinen Hugenottengemeinde bei ihrer Flucht nach Deutschland im Jahre 1685
Nicht weit von Pont St-Esprit am Fuße des Cevennengebirges wo der kleine Fluss Ardèche in die Rhone fällt, lag ein kleines Dorf gleichen Namens, wo außer Katholiken eine kleine protestantische Gemeinde von etwa 11 Haushaltungen wohnte, Weiber und Kinder mitgerechnet ungefähr 60 Seelen. Ihr Seelsorger ein ehrlicher Greis hieß Jakob Ormond. Die Verfolgungen waren noch nicht bis dorthin gedrungen, wenigstens waren die Bekenner des Evangeliums noch nicht in Gefahr für Leben und Freiheit.
Jakob Ormond war ein getreuer eifriger Jünger dessen er gesagt hat: “Tu Gutes an Jedermann, allermeist aber den Glaubensgenossen.” Nachdem er eines Tages einem armen Holzhauer der durch den Fall eines Baumes tödlich verwundet worden war, das Heilige Abendmahl gebracht hatte, kehrte er durch einen wilden, wenig besuchten Teil des Gebirges zurück. Er hatte noch sehen können, wie derselbe erquickt und gestärkt durch den göttlichen Trost dahingeschieden war und verfolgte nun im Gebet versunken den einsamen Fußweg, der ihn über beschneite Höhen und an schauerlichen Abgründen vorbei nach Ardèche führen sollte.
Da dünkte es ihn auf einmal, er hörte ein leises Stöhnen. Indem er nach dem Orte hinging, wo der immer schwächer werdende Ton herkam, entdeckte er endlich jemand, der in einer tiefen Schlucht ausgestreckt lag. Ormond war bei seinem mitleidigen Herzen nicht lange unschlüssig, was er tun wollte, er untersuchte sorgfältig den Grund und Boden um einen Zugang zu dem Unglücklichen zu entdecken. Endlich sah er zu seiner großen Freude, dass er auf einem weiten Umwege zu demselben gelangen konnte.
Als er mit großer Mühe und Gefahr dorthin gekommen, erkannte er in dem Verunglückten einen der reichsten und angesehensten Einwohner von Ardèche namens Montrel, der aber einer der größten Feinde des Evangeliums war. Mit herzlichem Dank gegen Gott, der ihm Gelegenheit gab, einen der Feinde ihres Glaubens Gutes zu tun und damit feurige Kohlen auf dessen Haupt zu sammeln, lud er ihn auf seine Schultern und trug ihn mit vieler Mühe an eine Stelle, wo er ihn untersuchen und seine Wunden verbinden konnte.
Ormond rief ihn mehrere Mal bei seinem Namen, ohne ihn aus seiner tiefen Ohnmacht aufwecken zu können. Da goss er ihm aus einer kleinen Flasche von dem übrig gebliebenen Abendmahlswein in den Mund, worauf er die Augen öffnete.
Nachdem er ihm mit seinem Halstuch eine große Wunde am Kopfe verbunden hatte fragte er ihn, ob er noch andere Wunden habe. Montrel nickte mit dem Haupte und sagte leise, alle seine Glieder seien zerschlagen. Er erzählte ihm nun noch, wie er im Eifer der Jagd die Schlucht nicht gesehen und hinuntergestürzt sei. Hier hätte er elendig umkommen müssen, wenn Ormond ihn nicht errettet hätte. Er ergriff die Hand des Greises, sah ihn an mit bittendem Blick und sagte mit schwacher Stimme: "Verlasst mich nicht! Ich weiß wohl, ich habe weder Euer, noch Euer Brüder Mitleid verdient.
Aber die heilige Jungfrau Maria, sei mir Zeuge, dass ich niemals den Liebesdienst vergessen werde, den ihr mir erzeiget ". Ormond versicherte ihm, dass er dem Gebet des Herrn nachkommen werde, und nahm ihn wieder auf die Schulter. Obwohl er bei seinem hohen Alter und vor Erschöpfung seiner Kräfte öfter ausruhen musste, brachte er ihn doch bis nahe an das Dorf wo er einige seiner Glaubensgenossen antraf, die Holz heimbrachten und die ihm halfen den Verwundeten in sein Haus zu bringen.
Von vielen Segenswünschen der Familie Montrels begleitet und erfreut darüber, dass der Herr ihn ein gutes Werk vollbringen lasse kehrte Ormond in sein Haus zurück. dass Montrel nach Jahren diese Handlung christlicher Hingabe nicht vergessen hatte, bewies er als er später Mitglied des Gemeinderates wurde, indem er sich als eifriger Verteidiger der reformierten Kirche erzeigte und manche harten Befehle milderte die gegen sie ergingen. Mit dem Jahre 1685 rückten die Religionsverfolgungen diesem Orte näher. Im Hornung (Februar) befand sich eines Abends Ormond mit dem ältesten Brunet. Mit schwerem Herzen teilten sie einander ihre Besorgnisse mit die dieser, ein frommer Mann voll heiligen Eifers, äußerte sein Verlangen, das Leben um des Glaubens willen hinzugeben.
Ormond hingegen riet zur Flucht. “Man sollte den Märtyrertod nicht suchen”, sagte er. “Der Herr hat geboten, der Verfolgung aus dem Wege zu gehen, und hat uns selbst das Beispiel dazu ergeben, Tag und Stunde hat er sich vorbehalten, wann wir die Märtyrerkrone empfangen sollen. Bleiben wir unserem Glauben treu, so verleugnen wir den Herrn nicht, wenn wir unser und den unsrigen Leben zu retten suchen. Ich rate Euch Bruder Brunet, Euch zur Flucht bereit zu halten, da die Stunde dafür heute noch schlagen könnte”. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, ging Ormond noch zu allen Hausvätern und ermahnte sie, ihr Geld und auch Vorrat zusammen zu packen, damit sie wie die Kinder Israels ihr Vaterland ohne Verzug verlassen könnten, wenn die Stunde dazu gekommen sein werde.
Aller Herzen waren unter einem schmerzlichen Drucke, aber die Stimme ihres geliebten Seelsorgers war ihnen gleichsam wie eine Stimme Gottes. Es wurde ihnen zur heiligen Pflicht seine Anordnungen zu befolgen. Da aber in jenen tagelanger Erwartung heiße Gebete aus allen Häusern zu Gott aufstiegen, so waren sie alle gefasst und gestärkt. Es war eine stürmische Nacht als Ormond von Brunet wegging. Kein Stern glänzte am Himmel, der Sturmwind toste in den Kaminen und schüttelte mit Ungestüm die Wipfel der stärksten Bäume. Wer nicht durchaus vom Hause gehen musste, blieb daheim beim Feuer oder an seiner Arbeit, denn die meisten Leute von Ardèche waren Wollweber.
Als Ormond nach Hause gekommen war, hielt er den Herrn in inbrünstigem Gebet auf den Knien an, er wolle die kleine Herde beschirmen und erretten. Da hörte er es auf einmal an seiner Tür klopfen. Da es schon spät in der Nacht war, dachte er, es könne ein verirrter Reisender sein, der seiner Hilfe bedurfte. Er machte eilig die Tür auf, worauf sogleich ein Mann eintrat, der in seinen weiten Mantel eingehüllt war und nach einem kurzen Gruß sagte: “Schließet geschwind die Tür zu und blaset das Licht aus, denn es soll niemand wissen, dass ich zu Euch gekommen bin”. "Herr Mondrel, ihr bringt mir wohl böse Nachricht ".
Montrel antwortete nichts, sondern zog ihn nach dem warmen Zimmer, wo er seinen Mantel ablegte. Das Licht wurde sogleich ausgelöscht und Montrel setzte sich neben Ormond nieder und antwortete nun: "Ja! Es ist so. Ich bringe Euch böse Nachricht. Wenn ich vielleicht meine Pflicht verletze, so geschieht es, weil ich Euch bei der heiligen Jungfrau versprochen habe, dass ich es Euch vergelten wolle, dass Ihr mich vor dem Tode gerettet habt. So wisset, dass gestern Abend ein geheimes Schreiben gekommen ist, wonach der Intendant Baville und der Abt von Shayla morgen früh mit 80 Tragonern hierher kommen werden um die Ketzerischen zu ergreifen und sie auf alle Weisen zwingen werden ihren Glauben abzuschwören. Überdies sollten hundert Männer Holz zu einem Scheiterhaufen herbeibringen, um Euch selbst darauf zu verbrennen.
“Richtet Euch danach, man wird kurzen Prozess machen. Wollt Ihr Euch flüchten, so nehmt dies mit”. Dabei legte er ein Geldstück in Ormands Hand und sagte: "Gott geleite Euch" und verließ eilig das Haus. So war die so lang gefürchtete Stunde gekommen. Ormond stand eine Weile still und unbeweglich da, mit gefalteten Händen und sprach: "Herr, Dein Wille geschehe ". Dann fiel er auf die Knie nieder und betete: "Herr errette Deine kleine Herde und lass unser Vorhaben gelingen ".
Jetzt ging Ormond in die Häuser seiner Glaubensgenossen, "Machet Euch auf", sagte er ihnen, "die Stunde ist gekommen nehmt mit Euch was Ihr fortbringen könnt und versammelt Euch im Hause des Ältesten Brunet ". Da hätte man vor der bestimmten Zeit dunkle Gestalten nach dem genannten Hause schleichen sehen können, wo die Tür still auf und zu ging. Dort war der kleine Betsaal der Reformierten, dort versammelte man sich noch einmal, da betete Ormond noch einmal unter heißen Tränen mit seinen Brüdern. Darauf gingen sie leise durch den Garten nach der Straße, welche sich längs der schäumenden Ardèche hinzog.
Der Zug bewegte sich immer stille fort wie gespenstische Schatten. Nachdem sie drei Stunden zurückgelegt hatten, gingen sie links ab in die Berge und setzten dort ihren Weg fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand. Die Ermüdung ließ sie wünschen, bald ausruhen zu können. Dazu sollte eine gute Gelegenheit kommen. Ormond und Brunet waren ihre Führer und man sah bald, wie genau, besonders Ormond die Gegend kannte, und wie gewiss er der Richtung war die sie zu nehmen hatten.
Er führte sie in eine tiefe Schlucht hinein, wo sich zur Seite eine weite Höhle befand, die den Unglücklichen eine sichere Zuflucht darbot, da der Eingang durch Gesträuch verdeckt war. "Hier müssen wir bleiben”, sagte Ormond, "bis man uns nicht mehr verfolgt. Damit man uns aber nicht entdeckt, dürfen wir weder reden, noch Feuer anzünden".
Alle gehorchten willig und nachdem sie sich So gut als möglich gegen die Feuchtigkeit und Kälte der Höhle verwahrt hatten, fielen sie in einen tief en Schlaf der ihnen nach dem ermüdeten Marsch sehr nötig war. Die Feinde kamen morgens in das Dorf. Der Gemeindevorsteher war krank, Montrel musste dessen Stelle vertreten. Um den Flüchtlingen soviel als möglich Vorsprung zu verschaffen, verzögerte er die Nachsuchung soviel, als es die Ungeduld des Intendanten zuließ. Aber wer beschreibt das Erstaunen und die Wut der Verfolger als sie sahen, dass ihnen die vermeinten Opfer entgangen waren.
Da die Flucht erst in der Nacht vor sich gegangen sein konnte, so hoffte man sie bald einzuholen. Montrel stellte sich wohl als eifriger Verfolger, wußte es aber geschickt einzurichten, dass Baville mit seinen Dragonern nach einer anderen Richtung beordert wurde, als die Flüchtigen wahrscheinlich eingeschlagen hatten. Er selbst nahm es auf sich, sie mit den Leuten von Ardèche aufzusuchen, die er als ein eifriger Jäger wohl kannte. Er vermied sorgfältig die Höhle, wo sich die Fliehenden wahrscheinlich versteckt hatten, von welchen niemand von seinen Leuten etwas wußte.
Durch die besondere Fürsorge Gottes verdeckte ein dicker Schnee, der seit 9 Uhr gefallen war die Fußstapfen der Verfolgten. Zwei Tage lang suchte man sie vergeblich in den Bergen, die Verfolger konnten den Zufluchtsort nicht finden. Nach Montrels Rat suchte man sie der Rhone nach. Endlich verließen die Verfolger Ardèche und gingen nach anderen Opfern ihrer Wut. Das gänzliche Verschwinden von 70 Personen blieb jedoch für jedermann ein Geheimnis.
Das schlechte Wetter hörte nach zwei Tagen wieder auf und wich einer milden Frühlingsluft. Die Flüchtlinge blieben noch vier Tage in der Höhle, dann ging Renod und Brunet hinaus um die Gegend zu erforschen. Fünf Stunden oberhalb des Ortes, wo die Ardèche in die Rhone fällt lag ein kleines Gut das einem Reformierten gehörte. An diesen wandten sich die Führer der kleinen Gruppe.
Da er sie beide kannte, so nahm er sie freundlich auf, aber wie erschrak er als er vernahm und sah in welcher Gefahr er schwebte. Er entschloss sich, sich an sie anzuschließen und versprach zugleich alle auf seinem Schiff und auf seinem Floß, das er in aller Eile zusammenbringen wolle über die Rhone zu führen.
Es war ein günstiger Umstand, dass am anderen Ufer des Flusses gerade ein sehr großer dichter Wald war. Man fand es ratsam, dass immer nur wenige zusammen hinübergeführt werden und sich an einem gewissen offenen Platze im Wald zusammen finden sollten. Wie sie nun dem Schirm der Nacht herbeikamen, erquickte und erwärmte sie der Landmann aufs beste und führte sie dann hinüber. Als in der dritten Nacht alle herübergeschafft worden waren, zertrümmerte er das Floß, versteckte das Schiff im Gestrüpp und gesellte sich zu den Leuten.
Es war nun schon viel gewonnen, denn der Landsherr - der Herzog von Nouville - hatte nach den vergeblichen Nachforschungen dem Intendanten Barville Befehl gegeben, die Grenzenwohl zu wachen da er dachte, die Flüchtlinge werden nach der Schweiz zu entkommen suchen.
Glücklicherweise kam der Befehl erst nach der überfahrt. Sie reisten nun nur während der Nacht, über Tag verbarg man sich in den Wäldern, die damals häufiger und größer waren. Es war äußerst beschwerlich für sie, dass sie kein Feuer anzünden durften, was ihnen besonders gerne in dieser Jahreszeit so nötig gewesen wäre. Auch verminderten sich die Mundvorräte zusehends, wie sparsam sie auch nach Ormonds Rat und nach eigener Einsicht damit umgingen.
Am übelsten ging es dabei den alten Leuten und den Kindern, sie ertrugen aber alle mutig die Entbehrungen und stillten bisweilen ihren Hunger mit Wurzeln die sie am Wege fanden. Bisweilen wagte sich einer in ein Dorf und kaufte um nicht Verdacht zu erwecken wenigstens für den Schwächsten. Die anderen litten geduldig den Hunger den sie nur zum Teil stillen konnten. Die Fürsorge Gottes offenbarte sich auf eine wunderbare Weise darin, dass niemand krank wurde auf dieser langen Reise.
Niemand kam außerstande, dieselbe fortzusetzen. Niemand sehnte sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück. Alle waren freudig und lobten Gott, der sie bis dahin behütet hatte. Schon waren 4 Wochen vorüber und die Verfolgung hatte sie noch immer nicht erreicht.
Die Leute hielten sie für Zigeuner, die zu dieser Zeit Frankreich in großen Horden durchzogen und die mit abergläubiger Furcht betrachtet wurden. Unsere Flüchtlinge merkten bald, wie nützlich ihnen dieser Irrtum werden könne. denn jetzt dürften sie in den Wäldern Feuer anzünden und in den Dörfern Nahrungsmittel kaufen was alles ihre Lage sehr erleichterte.
An den Sonntagen ruhten sie und hielten ihre Gottesdienste, die anderen Tage wurden immer mit Gebet angefangen und beschlossen. Der Herr war immer in ihrer Mitte. Je näher sie der Grenze kamen, desto mehr konnten sie auf einen glücklichen Ausgang hoffen.
Abgehärtet in Ermüdung und Witterungswechsel ertrugen sie von Tag zu Tag besser ihr Wanderleben und alle Beschwerden die es mit sich brachte. Endlich kamen sie im Elsaß Über den Rhein nach Deutschland, jetzt konnten sie freier atmen. Ihre Geldmittel waren noch nicht erschöpft, aber nun kam ihnen ein anderes Hindernis in den Weg. Niemand von ihnen verstand etwas deutsch. Die französische Sprache war damals in Deutschland sehr wenig bekannt, so hatten sie große Mühe, sich den Landesbewohnern einigermaßen verständlich zu machen.
Zum Glück hatten sie es mit freundlichen Leuten zu tun, die ihnen gerne aushalfen. Die Furcht, die sie von Anfang an verfolgt hatte, verließ sie noch immer nicht ganz, deswegen vermieden sie die Städte und Dörfer, wanderten auch nur nachts, lagerten immer in den Wäldern, was bei dem frühen und milden Frühling ging. Es fiel ihnen nicht bloß schwer, dass sie die Landessprache nicht kannten. sondern auch nicht wussten, welcher, Glauben das Volk zugetan war, ob sie sich unter Protestanten befanden, ebenso wenig wussten sie, in welchem Gebiet von Deutschland sie waren.
Fragte man sie wohin sie wollten, so sagten sie: "Nach Preußen", Sie wussten, dass Berlin die Hauptstadt sei, sie hatten aber keinen Begriff davon wie weit es noch bis dorthin sei. Wegen ihrer fremden Kleidung und Sprache und um ihrer gebräunten Gesichter willen ,hielt man sie noch oft für Zigeuner. Eine Zeitlang wagten sie es nicht, sich vom Rhein zu entfernen, erst in der Karwoche gingen sie über den Main oberhalb Mainz und begaben sich in das Taunusgebirge, dessen Wälder sich damals viel weiter erstreckten als jetzt.
Ihre Umstände hatten sich in manchem sehr verbessert, sie überzeugten sich immer mehr, dass sie keine Verfolgungen mehr zu fürchten hatten. Freilich zogen sich die Landesbewohner mit Scheu vor ihnen zurück, weil dieselben sie für Zigeuner hielten und erlaubten ihnen nicht in ihren Dörfern zu Übernachten, gaben ihnen aber Lebensmittel im Überfluß.
Diese bekamen ihnen um so besser, da sie weder Vorräte noch Geld hatten. Auch hatten sie einen Teil ihrer Habseligkeiten verkauft, um ihr Leben zu fristen. Als sie aber nichts mehr bekamen fingen sie an sich zu kümmern, es werde ihnen nichts anderes übrig bleiben als sich durchzubetteln was ihnen hart vorkam. Nur Ormond und Brunet ließen den Mut nicht sinken. "Der, welcher uns bis hierher so wunderbar geführt hat," sagten sie, “der uns nicht in die Hände unserer Feinde hat fallen lassen und uns behütet hat wie das Volk Israel bei seinem Auszug aus Ägypten wird uns so nahe am Ziel nicht verlassen".
Solche Mahnungen richteten die Herzen der Verzagten wieder auf. Mit neuem Mut begaben sie auf den Weg durch die Wälder, und einer suchte es dem anderen im Ertragen der Müdigkeit und des Mangels zuvor zu tun, wenn auch bei ihrer Mattigkeit ihr Gang immer langsamer wurde, so rückten sie doch immer vorwärts.
Indessen ging es von einem Tag zum anderen mühsamer und als sie sich wieder in einem dicken Wald gelagert hatten, kam ihnen ihre ganze Lage trostloser vor als wie zuvor. Der Hunger stellte sich mit aller Macht ein und sie hatten nur noch einige Brotrinden für die Kinder. Nur mit Bangigkeit sahen sie am Tage vor Ostern diesem herrlichen Festtage entgegen, der so viel tausend Christen seinen Frieden und selige Hoffnung bringen sollte, sie sahen nur Hunger und Elend.
Überdies alles wussten sie durchaus nicht wo sie sich befanden und sahen nirgends eine Wohnung. Wie der Ostermorgen anbrach, begaben sie sich auf einen offenen Platz im Wald und knieten nieder im Kreis. Der ehrwürdige Ormond trat in ihre Mitte und betete mit einer Inbrunst und Salbung, wie sie es noch nie gehört hatten.
Aller Herzen hingen an seinem Mund und seine Rührung teilte sich allen mit, so dass auch alle Augen sich mit Tränen füllten. Er legte ihre Not dem Herrn vor und wie er immer zuversichtlicher dessen gnädige Hilfe erflehte wurden sie auch immer tiefer ergriffen, so dass ihre Augen von freudiger Hoffnung strahlten. Nachdem er ihnen noch die gewisse Versicherung bezeugt hatte.
Der Herr werde sie aus ihrer großen Not erretten, stimmte er ein Osterlied an und alle priesen den Auferstandenen mit großer Stimme, welche durch den Wald ertönte und sich zum Himmel erhob. Auf einmal hörten sie in ihrer Nähe ein anhaltendes Hundegebell, bald darauf sprengte ein Edelmann auf einem stattlichen Pferd in Begleitung zweier Ritter auf ihren Platz. Schreck und Erstaunen lag auf allen ihren Gesichtern, die vorher von freudiger Hoffnung geleuchtet hatten. Unsere Flüchtlinge bleiben vor Überstürzung gelähmt auf ihrem Moos sitzen.
Der erste Ritter, der sich durch seine Ehrfurcht gebietende Gestalt und Haltung wie auch durch seine prächtige Kleidung als den vornehmsten kenntlich machte hielt verwundert sein Pferd an und fragte, was das alles zu bedeuten hätte.
Ormond entblößte sein weißes Haupt, trat herbei und berichtete, wer sie seien, wohin sie wollten und woher sie kämen. Zuletzt bat er den unbekannten, sie in Frieden zu lassen, und wenn es sein könnte, den Hunger dieser Unglücklichen zu stillen die drei Tage nichts gegessen hätten. Diese einfachen unbeweglichen Worte des ehrwürdigen Greises gingen dem Herrn sehr zu Herzen, tiefe Rührung zeigte sich auf seinem Angesicht und seine Augen füllten sich mit Tränen. Mit bewegter Stimme sagte er ihnen in französischer Sprache: "Danket dem Herrn der Euch so wunderbar errettet hat. Ich bin der Landesherr Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Braunfels man hat mir angezeigt, eine Zigeunerbande habe sich im Walde verborgen und gefährde die umliegenden Dörfer. Ich bin selbst gekommen um zu sehen, wie es sich damit verhält. Statt dessen finde ich Glaubensbrüder und verfolgte Christen. Der Herr spricht: . Selig sind, die um meinetwillen verfolgt werden".
Seit getrost ihr armen Flüchtlinge, Eure Not hat nun ein Ende. Die Häuser und Äcker die ihr um des Glaubens willen verlassen habt, sollen Euch von mir ersetzt werden. Wartet nur ein wenig, Eure Leiber sollen erquickt, Eure Seelen getröstet werden". So sprach der gottselige Graf, schwenkte sein Pferd um und sprengte im Galopp davon. Wer beschreibt die Wirkung, die diese tröstenden Worte in ihrer Sprache gesprochen auf diese Leute ausübte?
Die Tränen entstürzten ihren Augen, sie fielen einander in die Arme und schluchzten laut in unaussprechlicher Bewegung ihrer Herzen. Ormond stand da mit zum Himmel gerichteten Augen, seine Lippen bewegten sich lautlos, er betete stille zum Herrn. Brunet stimmte begeistert ein Lob- und Dankeslied an und alle sangen mit erhobenem Herzen.
Der Graf eilte nach dem Dorf Daubhausen um für das Unterkommen der Ausgewanderten zu sorgen, seine Begleiter aber ritten schleunigst nach der Stadt Braunfels um die nötigen Nahrungsmittel aufzubringen. Die Hof und Stadtbewohner gaben von Herzen gerne was für das Ostermittagsmahl bereitet war. mit Erstaunen sahen unsere Leute einen langen Zug von Stadtbewohnern die ihnen ihren Wein und erquickende Speisen brachten.
Unterdessen war der Graf Wilhelm Moritz nach dem Dorfe Daubhausen gekommen, wo er zugleich die Einwohner berief. Nachdem er ihnen das Ereignis mitgeteilt hatte, fragte er sie, ob sie ihm ihre Häuser und Äcker käuflich abtreten wollten, er wolle ihnen dagegen um niedrigeren Preis anderes Land zum urbar machen geben, Häuser, Kirche und Schulhaus bauen lassen. Da die guten Leute sahen, wieviel ihrem qeliebten Herrn an der Sache lag, willigten sie gerne ein und die Kauf summe wurde festgesetzt. Der würdige Graf machte nach seiner alten Gesinnung die Bedingung, dass sie sogleich am folgenden Tag ausziehen und sich in die nächsten Dörfer verteilen sollten bis die neuen Häuser erbaut sein würden.
Auch darin willigten sie ein und der Graf kehrte vergnügt zu den Leuten im Walde zurück, die nun gesättigt und erquickt waren. Mit neuer dankbarer Freude vernahmen sie das großmütige Anerbieten. Am anderen Tag hatte der Graf die Freude, die Eingewanderten in ihre Wohnungen einzuführen. Das Dorf Daubhausen war aber zu klein für alle Leute und so überließ er ihnen eine Besitzung eine halbe Stunde weit vom Ort, die später das Dorf Greifenthal wurde. Bei der Tätigkeit und der Betriebsamkeit der Einwohner nahmen beide Dörfer bald an Ausdehnung und Wohlstand zu.
Noch in letzter Zeit wurde der Gottesdienst in französischer Sprache gehalten. Die Namen Ormond und Brunet bleiben in hoher Achtung und noch jetzt leben von ihnen Nachkommen zu Daubhausen und Greifenthal und das Andenken an diese Begebenheit ist noch lebendig bei den Einwohnern. Die Quelle wo sie ihr Wasser holen heißt Franzosenbrunnen. Jedes Kind kann den Platz zeigen, wo der edle Graf Moritz Wilhelm die armen Flüchtlinge antraf. Der Name des Fürsten dessen großmütiges Herz ein so schönes Denkmal errichtet hat. bleibt immer noch gesegnet.
Abschrift "Der Finger Gottes 1866", Verlag G.E. Schulze Leipzig
Aktualisiert (Samstag, den 02. Januar 2010 um 20:24 Uhr)
